Oh, diese Nächte .. *seufz* .. hab gerade wieder einen akuten Anfall von Traurigkeit .. obwohl .. nein, ich glaube, es ist schon Trauer ![]()
Ja, ich weiß, man soll die Hoffnung nicht aufgeben, bla, es könnte ja noch, blubb .. aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Mutter hat da was im Kopf. Es sitzt sehr tief. Es wächst sehr schnell. Es hat wahrscheinlich gestreut. Die Symptome weisen auf ein fortgeschrittenes Stadium hin. Die Wahrscheinlichkeit, daß es doch noch was Gutartiges ist, geht gegen Null. Aber auch nur, weil man ja Wunder nie ausschließen kann ..
Unter Berücksichtigung aller bisher bekannten Fakten muss man von einem Glioblastom ausgehen. Was eine Überlebenszeit von durchschnittlich 6 bis max. 24 Monaten bedeutet. Und in diesem Mittelmaß sind Alle enthalten, die in irgend einer Form behandelt wurden. Also auch die, bei denen man so ziemlich alles rausschneiden konnte. Wo es früh entdeckt wurde. Wo unwichtigere Gehirnareale betroffen waren. Leute, die wesentlich jünger und fitter sind als meine Mutter. Was bedeutet, daß meine Mutter eher am kurzen Ende der Skala liegen wird .. und da die Symptome wie gesagt schon sehr ausgeprägt sind, und der Chefarzt meint, man könne das Ding nicht rausholen .. sagen wirs mal so: Ich bin mir recht sicher, daß sie nicht mehr bis Weihnachten durchhält. Ich bezweifle sogar, daß sie Mayas zweiten Geburtstag im Oktober noch erlebt… ![]()
.. und selbst wenn .. ohne eine Entfernung des Tumors werden sich auch die Symptome nicht wirklich verbessern können. Meine Mutter würde zum Pflegefall und bräuchte Rundumbetreuung ..
Dazu kommt trotzdem die Angst, daß sie doch noch zwischendurch wieder “normal” wird … ich hatte letzte Nacht einen meiner typischen “Abschiedsträume” .. die habe ich immer, wenn irgendjemand (wie auch immer) aus meinem Leben getreten ist .. Exfreunde, Familienmitglieder, mein ungeborenes, verlorenes Kind, meine Katze .. und jetzt war es meine Mutter (ein Indiz für Trauer statt Traurigkeit). In diesem Traum war sie wieder völlig normal, hatte aber nur noch sehr kurze Zeit zu leben .. es war die Hölle. So sehr ich meine Mama auch wieder haben möchte .. es würde mir vermutlich viel leichter fallen, sie aus diesem jetzigen Stadium heraus gehen zu lassen .. mein Gehirn leistet ja auch schon großartige Verdrängungsarbeit .. ich kann mich (wenn ich wach bin) nicht daran erinnern, wie meine Mutter genau war, bevor sie sich so verändert hat. Ich versuche es immer wieder mal, aber die Bilder entgleiten mir einfach.. da wird sich mein Gehirn schon was bei denken. Und es kann sowas auch sehr lange aufrecht erhalten. Wenn ich an meinen Vater denke, sehe ich auch nur den alten, keuchenden, meckernden Mann, der wild gestikulierend auf dem Sofa sitzt und meine Mutter stimmlos anmotzt. Erinnerungen an davor .. nur kurze Szenen. Auch da eher die “schlechten”. Mein Vater ist jetzt seit fast 6 Jahren tot, und es ist nicht wirklich was dazugekommen ..
Mein gemischtes Bauch-/Kopfgefühl (um es mal diffus auszudrücken) sagt mir also: es dauert nicht mehr lang. Und danach handle ich auch schon. Ich habe bereits eine Checkliste für Todesfälle heruntergeladen, damit ich nichts Wichtiges vergesse. Ich hab den Namen “unseres” Bestatters ergoogelt, damit die im Krankenhaus nicht den “falschen” anrufen. Meine Güte, ich hab schon über Trauerfeier und Blumenschmuck nachgedacht .. und seit 2 Tagen versuche ich mich aufzuraffen, um Mutters Dokumente zu suchen. Geburtsurkunde, Stammbuch, etc. .. braucht man ja Alles im Todesfall .. aber das fällt mir dann doch noch zu schwer ..
Weiteres Indiz für Trauer statt Traurigkeit: Als ich vorhin gemerkt habe, daß es mir langsam schlechter geht, war mein erster Gedanke: ich geh mal hoch zu Mama, dann gehts mir besser .. und dann kam die Erkenntis wie ne Bratpfanne quer ins Gesicht - Mama ist nicht da. Und sie wird auch nie mehr da sein. Jedenfalls nie mehr so wie früher. Kein Dreiweiberrat. Kein Trösten bei Ehekrach oder anderen Problemen. Kein Händchenhalten nach ner Zahn-OP. Keine gemeinsamen 3-Generations-Ausflüge. Und noch tausend andere Sachen, die mein Gehirn gnädigerweise gerade nicht ausspuckt.
Also sitze ich hier nun und trauere. Und habe gerade das GANZ starke Bedürfnis, einfach loszurennen, zu meiner Mama ins Krankenhaus. Nachts um 4 aber keine Option .. und wenn ich dann heulend an ihrem Bett säße und vor mich hinstammele, daß sie nicht sterben soll, daß sie wieder zurück kommen soll .. damit mach ich sie ja dann völlig verrückt .. sie weiß ja von nichts .. also müsste ich mich wieder zusammenreißen .. und nach ner Viertelstunde verliere ich dann wieder die Kraft, und müsste eh wieder gehen ..
Also weiter sitzen. Und heulen. In Gedankenstrudel abdriften. So viele Gedanken .. und ich krieg sie nicht sortiert. Ich komm mir vor, als würde ich in einem Ozean schwimmen, um mich herum unzählige, wuselige Gedanken-Haie. Gaaanz weit entfernt am Horizont ist ne winzig kleine Hoffnungs-Insel. Ich versuch mich freizukämpfen, die Haie wegzuschieben, eine Schneise zu schaffen, zu dieser verdammten Insel zu schwimmen .. und im Grunde weiß ich doch, daß sie viel zu weit weg, unerreichbar ist .. also kann meine erste Priorität nur sein, mich irgendwie über Wasser zu halten. Tagsüber geht das ganz gut, aber Nachts .. wird es zunehmend schwerer, nicht einfach unterzugehen…
Nein, die Zeiten, in denen ich eine Gefahr für mich selbst war, sind vorbei. Ich habe eine kleine Tochter, die mich braucht. Einen Mann, der mich liebt. Ein Leben. Und irgendwo ist da auch die Stimme, die sagt, daß es ganz natürlich ist, daß die Eltern vor einem diese Realität verlassen. Daß es unweigerlich irgendwann auf mich zukommt. Ob es nun morgen, in 3 Monaten, 5, 10 oder 20 Jahren ist - es wird immer verdammt schwer sein.
Und trotzdem hatte ich heute ein paar Mal den verlockenden Gedanken, einfach wieder in die Psychiatrie zu gehen. Alle Verantwortung abzugeben. Lustige Leute, 3 Mahlzeiten, evtl. nette Medikamente, ein bisschen Basteln .. aber ohne meine Tochter möchte ich nirgendwo hingehen ..
Mal sehen .. vielleicht frage ich am Montag im Krankenhaus mal nach psychologischer Angehörigen-Betreuung .. vielleicht gibt es ja sowas … hauptsache, es gibt nicht nur Seelsorger .. ja, ich weiß, die machen einen guten Job, und verhalten sich dabei normalerweise auch konfessions-neutral .. aber alleine beim Gedanken an “Gott” krieg ich Ausschlag. Ich kann niemanden verstehen, der bei solchen Schicksalsschlägen noch an einen netten, gutmütigen, allmächtigen Schöpfer glaubt, der auf uns aufpasst. Wo ist das Arschloch denn, wenn man ihn braucht?! Hey, Gott! Für den unwahrscheinlichen Fall, daß Du da irgendwo bist: schwing Deinen Arsch hier runter und mach meine Mama wieder gesund! Beweise mir, daß es Dich gibt, lass den Tumor einfach per Zauberhand *plöpp* verschwinden! Und jetzt sach mir nicht, daß ich meine Mama dafür nach Lourdes karren muss, Du wirst ja wohl genug Macht haben, Dich vor Ort darum zu kümmern!
OK, ich drifte ab. Das ist was gutes. Lieber einem Hai Namens “Gott” auf die Omme hauen, als von den anderen gefressen zu werden.
Ich denke, ich breche dann hier erstmal ab. Ich könnte wohl stundenlang weiterschreiben, jeden einzelnen Gedanken auseinandernehmen .. was wird mit meiner Schwester .. können wir das Haus behalten .. kriegt mein Mann Urlaub, wenn ich ihn brauche .. blablabla .. aber das würde mir jetzt nichts nützen. Da klicke ich lieber noch 2 oder 3 Stunden auf die bunten Icons bei Inspector Parker ..



