Archiv für 29. Juli 2009

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Kurzfristige Verbesserung

geschrieben am Mittwoch, 29. Juli 2009 um 03:50 in Familie

Meiner Mutter ging es heute ein ganzes Stück besser als die letzten Tage. Da kann man mal sehen, was Haldol für ein Teufelszeug ist …

.. als wir im Hospiz ankamen, saß sie im Gemeinschaftswohnzimmer. Sie hat uns sofort erkannt. Ihr Sehvermögen ist immer noch sehr schlecht, aber es ist tatsächlich nochmal besser geworden. Was außer uns natürlich wieder keinem aufgefallen ist - als ich der Schwester sagte, daß meine Mutter mir die Firma der Sitzkissen vorgelesen hat, ist sie fast vom Glauben abgefallen. Rauchen ging auch problemlos, und zu 90% hat sie auch den Aschenbecher getroffen. Und zielsicher das Fanta-Glas greifen ging auch.
Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie in der Mitte des Sichtfeldes noch einen kleinen Bereich, in dem sie ein bisschen was erkennt. Sie hat zu meiner Schwester (ja, sie war dabei!) nämlich gesagt, daß sie nur ihr Auge sieht, und das sähe müde aus ..

Auch vom sprechen her war sie wesentlich weniger verwirrt. Klar, Kurzzeitgedächtnis ist immer noch weg. Aber sie hat kaum noch merkwürdige Dinge gesagt. War eigentlich fast wie eine normale Unterhaltung .. Die andere Seite der Medaille ist, daß sie auch wieder mehr mitbekommt. Sie ist sehr traurig, weil sie eben kaum was sieht. Weil sie sich nicht mehr bewegen kann wie vorher. Weil sie so viel machen will, aber nicht kann. Ihr gefällt das Hospiz, aber sie wäre lieber bei uns. Sie macht sich Sorgen, wie wir ohne sie zurechtkommen. Dazu dann ganz viele Fragen .. wie lange sie denn jetzt noch hierbleiben soll. Wann sie die Katzen wiedersieht. Und was das wohl extra kostet, wenn sie jetzt noch ne Fanta trinkt, das Alles wäre doch bestimmt eh schon sehr teuer …

Ich hab mich mit meinen Antworten soweit wie möglich rausgewunden. Sie ist dort im Urlaub. All-inclusive, sie muss sich keine Sorgen machen, es ist alles bezahlt. Daß wir nicht wissen, wie lange sie im Urlaub bleibt. Daß bei uns Alles suuuuper läuft. Thema wechseln hilft natürlich auch, nach ein paar Minuten hat sie die Frage ja wieder vergessen .. deswegen sagen wir ihr ja auch nicht, was wirklich los ist. Es würde nichts bringen, weil sie es immer wieder vergisst.

Insgesamt waren wir über ne Stunde da, und haben hauptsächlich im Innenhof gesessen und geraucht. Allerdings war sie wieder sehr müde .. sie bekommt immer noch Beruhigungsmittel. Ist besser so für ihr Wohlbefinden, da sie die ganze Zeit doch ziemlich ängstlich ist, weil sie kaum was sieht. Sie hat ja auch keine Chance, sich daran zu gewöhnen - sobald sie die Augen aufmacht, ist die Sehstörung wieder neu, sie hat es ja wieder vergessen. :( .. aber ansonsten .. joah .. fast wie vor anderthalb Wochen ..

Auf eine Art bin ich ganz froh, daß meine Schwester sie recht fit erlebt hat. Sie hatte ja große Angst, daß Mutter völlig .. fremd ist. … Auf der anderen Seite .. mir tut es schon wieder weh .. ich habe halt meine bereits verloren geglaubte Mama im Ansatz wieder gesehen, mit dem Wissen, daß ich sie doch wieder gehen lassen muss. Für mich wäre es “anders” vermutlich leichter. Aber ich gönne ihr natürlich jeden halbwegs schönen Tag, und muss selbst sehen, wie ich damit klarkomme. Im Prinzip bewahre ich eine gewisse gefühlsmäßige Distanz. So, wie sie weniger meine Mutter ist, bin ich weniger ihre Tochter. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart manchmal eher wie .. eine Krankenschwester, die sich liebevoll um einen netten, verwirrten Menschen kümmert. Mag für Euch jetzt “falsch” klingen, aber das scheint der Weg zu sein, den mein Gehirn zur Zeit als “erträglich” einstuft.

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