Ist doch so? Schlimme Dinge treffen nicht die eigene Familie, immer nur Fremde, ODER? .. *haumitkoppauftischkante*
Ich fang mal von vorne an, ist mir gerade nach ..
Alles begann damit, daß meine Mutter am Samstag plötzlich wirres Zeug von sich gab. Sie sollte mich zum Bahnhof fahren, sagte aber, sie fühle sich “hufflepuff” (!!!), außerdem müsse sie noch ein Brot backen. Und irgendwas mit Harry Potter war da auch noch… so völlig ohne Zusammenhang, und sie schien auch nicht zu begreifen, daß sie da gerade Mist erzählt ..
Ich bin da schon leicht alarmiert übers Wochenende weggefahren. Ich mein, vielleicht war sie ja doch gerade erst wach geworden, oder sie hat das Wetter nicht vertragen, oder zu wenig getrunken, oder oder oder … auch als sie dann am Samstag Abend am Telefon meinte, ob wir schon gefrühstückt hätten, habe ich versucht, mir noch keine allzu großen Sorgen zu machen ..
Leider war die Sache als ich wiederkam dann doch nicht vorbei. Sie hat zwar nicht mehr wirr dahergeredet, dafür war sie ungewöhnlich still. Und ständig müde. Sie hat den halben Tag verschlafen. Dazu dann schon recht große Kurzzeit-Gedächtnislücken.
Früher ist sie immer vormittags so gegen elf zu mir gekommen, zum brunchen, quatschen, Kind sehen .. die letzten Tage habe ich um 12 Uhr angefangen, sie zu wecken. Dann um halb 1 nochmal. Und um 1. Und um halb 2 .. und jedesmal hatte sie vergessen, daß ich sie schonmal angerufen hatte .. und das ging dann die ganze Woche so weiter ..
Dann hat mich heute vormittag meine Schwester angerufen, um von Problemen auf der Firma zu berichten. Dabei hat sie dann beiläufig erwähnt, daß Mama sie gestern Abend zur Arbeit schicken wollte. Außerdem würde in der Küche auf dem Herd das Essen vergammeln ..
Da habe ich mich spontan entschlossen, Mutters Hausärztin anzurufen. Die versprach dann, sich bei meiner Mutter zu melden ..
Daraufhin bin ich dann hoch zu meiner Mutter gegangen, um Bescheid zu sagen … da wurde mir dann erst so richtig bewusst, WIE gross die Gedächtnislücken sind.. ich habe ihr 5 oder 6 mal in nur wenigen Minuten Abstand gesagt, daß ihre Ärztin anrufen wird. Und sie hat es immer wieder vergessen. Sie saß einfach nur verwirrt auf dem Sofa.
Als die Ärztin dann anrief, haben sie kurz miteinander gesprochen. Sie würde dann abends zur Sicherheit mal vorbeikommen .. und die Ärztin gab mir den Auftrag, meine Mutter zum Trinken zu animieren. Wäre schließlich das Wahrscheinlichste, daß die ganze Verwirrung von Flüssigkeitsmangel kommt.
Also habe ich meine Mutter gebeten, mit nach unten zu kommen, weil ihre Wohnung nicht kindersicher genug ist, um sich dort länger mit einem Kleinkind aufzuhalten. Ja, kein Problem, sie wäre gleich da ..
.. nach ner halben Stunde habe ich angerufen .. sie wusste von nichts .. aber sie wäre gleich da .. das gleiche Spielchen nochmal ne halbe Stunde später, und dann nochmal .. nach ner weiteren halben Stunde habe ich sie dann persönlich abgeholt .. sie hatte sich wieder hingelegt, und wusste natürlich immer noch nichts davon, daß sie zu mir kommen sollte. Oder daß sie mit der Ärztin gesprochen hat. Oder das die Ärztin abends noch kommen will ..
Sie hat dann 2 Stunden halb schlafend auf meinem Sofa verbracht, während ich sie “gezwungen” habe, 2 Gläser Cola zu trinken und mal von nem Brötchen abzubeißen.
Als die Ärztin dann kam, hat sie sie direkt ins Krankenhaus geschickt. Der Flüssigkeitsmangel wäre schon erheblich, da sollte zur Sicherheit mal einer gucken ..
Also 3 Stunden in der Aufnahme .. ist ja nicht so, daß ich das nicht mittlerweile kennen würde .. nach EKG, großem Blutbild, Lungen-Röntgen, etc. war auch da die einhellige Meinung, daß die Verwirrtheit am Flüssigkeitsmangel liegt, und es war geplant, sie ein paar Tage dazulassen, vollzupumpen, und dann weiter zu schauen ..
Ich habe dann nochmal darauf hingewiesen, daß meine Mutter sich wirklich sehr verändert hat, und das ganze sehr plötzlich. Daraufhin wurde dann doch zur Sicherheit ein Neurologe hinzugezogen ..
Der hat dann nach den üblichen Händewackel- und Augenroll-Übungen erstmal nichts weiter feststellen können .. aber als ich dann gesagt habe, daß meine Mutter sich nicht daran erinnern kann, daß sie vor ner halben Stunde geröngt wurde, daß sie ihr Blut abgenommen haben, also praktisch nichts mehr von gesamten Aufenthalt, hat er sie doch nochmal befragt .. und stellte fest, daß sie sich nichtmal mehr erinnern konnte, welches Jahr wir haben ..
Also wurde ein CT angeordnet, und dann auch recht zügig durchgeführt.
Meine Mutter hat von alldem nicht wirklich viel mitbekommen. Sie hat nur immer wieder gesagt, sie wäre so schrecklich müde. Und ich sähe auch müde aus. Ich sollte mich doch hinlegen. … bis zum eintreffen der CT-Bilder habe ich ihr also immer wieder erklärt, daß ich mich im Krankenhaus nicht so einfach hinlegen kann ..
Nach ner gefühlten Stunde kam dann der Neurologe, tippt auf dem Computer rum, schaut sich die Bilder an .. und geht wieder. Ohne ein Wort zu sagen. Ich habe noch mitbekommen, wie er mit nem Kollegen telefoniert hat, mehr nicht ..
Nach ner weiteren halben Stunde kam dann die Stationsärztin zu mir, und hat mir endlich die Diagnose gesagt:
Gehirntumor.
Bamm. Einfach so. Wie groß, und was, und wie, und überhaupt, alles unbekannt (oder es wurde mir nur nicht gesagt ..). Da ist halt was in Mutters Gehirn, was da nicht hingehört. Näheres würde man in den nächsten Stunden / Tagen herausfinden, wenn die Neurochirurgen von ihrer OP wieder zurück sind und ein MRT gemacht wurde …
Da um den Tumor herum auch noch eine leichte Schwellung ist, liegt sie jetzt erstmal zur Sicherheit auf der Intensivstation und bekommt wohl sowas wie “abschwellende Medikamente”.
Und nun hocke ich hier. Und versuche mich in einer Mischung aus Verdrängen und “positiv Denken”. Also möglichst nicht drüber nachgrübeln, und wenn, dann immer an die Möglichkeit, daß es vielleicht gar nicht so schlimm ist. Immerhin weiß ich ja noch gar nix. Ist vielleicht gutartig, wird rausgeschnitten, fertig. Oder ist einfach mit Tabletten zu behandeln. Kann ja Alles sein ..
.. dummerweise sagt mein Bauchgefühl was anderes. Die mitleidigen Blicke der Krankenschwestern und das beiläufige, mitfühlende Schulter-Streicheln der Ärztin sind halt doch nicht spurlos an mir vorbei gegangen ..
.. außerdem neige ich eh dazu, immer vom Schlimmsten auszugehen. Eigentlich ganz praktisch, weil man dann - zumindest theoretisch - darauf vorbereitet ist. Aber alleine der Gedanke, daß meine Mutter vielleicht ihre Enkelin nicht mehr aufwachsen sieht, ist schon so schmerzhaft, daß ich zwischendurch doch immer mal in Tränen ausbreche ..
Nungut. Heute Nacht wird sich an der Situation erstmal nichts ändern. Morgen weiß ich vielleicht schon mehr. Und es ist auch irgendwie tröstend, daß meine Mutter alles wieder vergißt - also auch die ganzen Untersuchungen, und vermutlich auch die Diagnose .. als ich mich auf der Intensivstation von ihr verabschiedet habe, machte sie zumindest den Eindruck, als ob sie immer noch nicht so genau weiß, was sie eigentlich im Krankenhaus soll ..
Dann drückt mal die Daumen, daß die Sache dann doch noch irgendwie .. positiv endet. Also so positiv, wie es unter den Umständen möglich ist …