Zunächst mal: Wer sich keinen Seelen-Striptease und weitere Abszess-Geschichten durchlesen will, sollte diesen Beitrag ignorieren. Ich werde auch versuchen, sowas in Zukunft zu vermeiden. Versprochen!
Nun sitz ich hier. Morgens um halb 5, obwohl ich dringend schlafen müsste. In 3 Stunden geht der Wecker, und wir müssen zur Beerdigung der Oma meines Mannes. Inklusive Trauerfeier, Mittagessen, Beisetzung, Nachmittagsgedöns, etc. Also keine Chance, irgendwas an Schlaf nachzuholen.
Was mir den Schlaf (und die Ruhe .. und im Prinzip im Moment mein Leben) raubt, ist die Schmerz-Erinnerung an gestern und vorgestern. Meine Gedanken können sich davon nicht lösen, ich habe Schüttelfrost, Heulkrämpfe, Panikattacken. Und das nur von der Erinnerung…
Ich überlege immer noch, womit ich den Schmerz am besten vergleichen kann. Zum einen, um meinen Kopf mit irgendwas Sachlichem zu füllen, zum anderen, um mich an Zeiten zu erinnern, in denen ich schonmal “stark” war. Soll ja angeblich helfen.
Also gut. Was haben wir denn da so im Angebot…. nen Angelhaken im Fuß. Diverse Zahnwurzelentzündungen. Den Wahnsinns-Hüftschmerz, als ich mich mit meiner Athrose nach einem Sturz beim Eislaufen falsch bewegt habe. Zahlreiche Schnitt-, Schürf- und Brandwunden, die immerhin tief genug waren, um auch noch Jahre später als Narben gut erkennbar zu sein. Viele, viele blutige Blasenentzündungen, verbunden mit nächtelangem Heulen auf dem Klo. Jahrelanges Laufen auf offenen Füßen, teilweise mit bis zu nem Zentimeter tiefen Rissen. Eine äußerst schmerzhafte Harnröhrendehnung. Die monatelange Heilphase des Kaiserschnittes (zugegebenermaßen nur am Anfang wirklich schmerzhaft). Das letzte Drittel der Schwangerschaft war auch eine einzige Tortur. Dutzende Abszesse in den vergangenen Jahren, die teilweise auch so richtig weh tun können. … *kratzamkopp* .. mehr fällt mir spontan nicht ein. Aber das ist doch schonmal ne ganze Menge. Und bei einigen Sachen davon war ich auch schon kreidebleich im Gesicht, oder habe geheult vor Schmerzen, auch schon gewimmert. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals auch nur einmal geschrien zu haben. Nichts davon war tatsächlich so schlimm wie die Jodstreifen-Wechsel in den letzten beiden Tagen. NICHTS. Ich finde das immer noch … unfassbar. Also so wirklich nicht zu fassen. Als ob mir einer mit ner Bratpfanne vor den Kopf gehauen hat und gesagt hat “So, das verstehst du jetzt nicht. Basta.” Mein Gehirn scheint sich darum drücken zu wollen, die ganze Sache zu verarbeiten. Ich bin kein Experte, aber es fühlt sich an wie ein Fall von “Traumatisierung”. Ich fühle mich immer noch wie in einem Schockzustand. Am liebsten würde ich stundenlang ziellos durch die Gegend laufen. Gerne auch mit dem Kopf vor die Wand schlagen. Psychosomatisch fallen mir spontan der Schüttelfrost und das Herzrasen auf. Seit gestern sackt auch mein linker Arm zwischendurch immer wieder mal nach unten. Wirkt sehr befremdlich. Aber irgendwie ist mir das gerade egal.
Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Memme. Ich meine, kann es WIRKLICH so weh tun, einen Jodstreifen in einen Abszess zu stopfen? Da gibt es doch bestimmt noch viel höhere Schmerzgrade. Aber ich bin doch eigentlich gar nicht besonders zimperlich was Schmerzen angeht. Ich könnte beim Tätowierer prima schlafen, weil ich das “Prickeln” so angenehm finde … o.o
In dieses .. merkwürdige, geistige Chaos mischen sich auch noch die ganz rationalen Angstgedanken hinein. Nämlich die große Angst, daß ich die Hölle noch nicht verlassen habe und weitere Behandlungen zwingend notwendig sind.
Ich habe nämlich beim Verbandswechsel heute Abend nämlich 3 schöne große, harte Beulen entdeckt. Diese harten Beulen waren schon der Grund dafür, daß der Chirurg am zweiten Tag den Schnitt nochmal vergrößert hat. D.h., es sind wieder Abszesse. Vermutlich immer noch dieselben, nur neu gefüllt. Was gleichzeitig heisst: Die Tortur war nicht nur extrem schmerzhaft, sondern auch extrem sinnlos. Und eventuell sogar extrem dämlich - ich kann die neuen/alten Abszesse an der frischen Schnittwunde nämlich jetzt gar nicht mit Zugsalbe behandeln… Dabei hatte der erste Chirurg noch gesagt, daß ich nach der Öffnung jetzt wohl ein paar Monate Ruhe hätte, wahrscheinlich viel länger, als wenn der Abszess von selbst aufgegangen wäre. Tja. Oder auch nicht.
Im Moment stürze ich meine gesamte Resthoffnung auf das Antibiotikum, das ich heute endlich von meinem Hausarzt bekommen habe. Dort bin ich nämlich nachmittags panisch hingefahren, nachdem die dicke Schwellung am rechten Auge von vorgestern erstmal am nächsten Tag ans linke Auge gewandert ist - und heute ins Kinn (!!). Sehr unangenehm, wenn sich so ein Kinn mal eben 5 cm in alle Richtungen vergrößert … Zur Zeit hat sie sich zum Glück unter das Kinn zurückgezogen, da hat sie etwas mehr Platz und es spannt nicht mehr so sehr.
Jedenfalls hoffe ich, daß sich die alten/neuen Abszesse durch das Antibiotikum einfach .. in Luft auflösen. Ja, äußerst unwahrscheinlich, Abszesse sprechen auf Antibiotika meist nicht an, weil die Membran die Wirkstoffe nicht so recht durchlassen will. Aber es ist immerhin möglich. Und es wären auch nicht die ersten Abszesse, die einfach irgendwann verhärten, um dann über Wochen oder Monate hinweg immer kleiner zu werden und letztendlich zu verschwinden. Ja, darauf hoffe ich. Das wär gut. Alternativ können sie natürlich auch einfach irgendwann aufgehen. Eins von beidem MUSS passieren, denn eine ärztliche Behandlung kommt nicht mehr in Frage. Lieber laufe ich lachend durch 5 Meter Stacheldraht.
Hätte ich mal früher mit meiner Mutter gesprochen. Die hat mir nämlich von meinem Vater erzählt, der genau das gleiche Abszess-Problem hatte (wird ja auch zum Teil vererbt). Der hat sich auch mal einen Abszess vom Chirurgen öffnen lassen. Ein einziges Mal. Die dutzenden, die danach noch kamen, hat er dann selbst aufgeschnitten und sich nicht wieder zum Arzt getraut. Und mein Vater war ein Typ, der mit ner abgetrennten Fingerkuppe aufm Sofa sitzt, nen Schluck Kaffee trinkt, sich noch ne Kippe anzündet, um dann die Kuppe mit Kittifix (= alter Ostzonenkleber) selbst wieder anzukleben. Ja, ist tatsächlich so passiert.
Aber vermutlich wollte meine Mutter mir einfach keine Angst vor der Behandlung machen. Sie konnte ja auch nicht ahnen, daß das bei mir auch so weh tut, hätte bei meinem Vater ja auch nur blöder Zufall / eine ungünstige Stelle / ein schlechter Chirurg sein können…
Joah. Jetzt hock ich hier schon ne dreiviertel Stunde und schreibe mir die Seele aus .. den Fingern. Und ich muss sagen - es hilft tatsächlich so langsam. Mist. Dabei wollte ich diesen Blog doch dafür gar nicht missbrauchen. Naja. Wer bis hierher mitgelesen hat (Respekt!), wird mich vielleicht ansatzweise verstehen.
So. Die nächsten Stunden / Tage werde ich wohl damit verbringen, mich aufs “Funktionieren” zu konzentrieren. Einen Nervenzusammenbruch kann ich mir als Mutter ja gar nicht mehr leisten. Und alleine die Tatsache, daß ich trotz der nervlichen Extrem-Belastung nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen bin, macht mich schon ein bisschen Stolz. Zum Glück hat mein Mann die nächsten drei Tage frei … obwohl .. wirklich helfen kann er mir gerade nicht. Er stirbt mal wieder den Erkältungs-Tod inklusive sterbendem Schwan auf dem Sofa *rolleyes*. Aber ich weiss auch, daß sone fette Erkältung ganz schön an die Substanz gehen kann, da will ich jetzt nicht rumnölen. Ist halt nur äußerst schlechtes Timing.
Nachtrag:
So .. ich wollte nicht schon wieder nen neuen Beitrag zu dem Thema erstellen, irgendwann ist auch mal gut ..
Neuigkeit 1: Ich habe heute auf dringendes Anraten einer befreundeten Krankenschwester den Jodstreifen gezogen und hatte dabei die Gelegenheit, mir Alles nochmal genauer anzuschauen. Aus den 3 großen Beulen ist nun eine größere geworden. Was mich stutzig macht: die Beule geht bis an die immer noch recht große, klaffende Schnittwunde … deren Ränder sind auch mitgeschwollen .. das kann dann ja wohl kaum ein neuer Abszess sein, wenn er direkt “am Ausgang” liegt, oder??
Neuigkeit 2: Ich hab mal meine psychischen/physischen Symptome gegoogelt .. und siehe da: es IST sowas ähnliches wie eine posttraumatische Belastungsstörung. Nennt sich allerdings akute / abnorme Belastungsreaktion. Ist an sich gar nicht mal ungewöhnlich, und die Grenzen von normaler zu abnormaler Reaktion sind da wohl auch recht fließend. Und das schöne ist: der Spuk ist dann bald vorbei
.. je nach Webseite ist die Rede von “maximal drei Tage” bis “maximal vier Wochen” .. und da der Tag heute (zumindest tagsüber) bisher ganz OK war, geht es eher in richtung Ersteres^^